Läppen oder Schleifen? – Welche Technologie ist in Zeiten von Industrie 4.0 die richtige Wahl?
  • Firma: Klingelnberg GmbH
  • Land: Deutschland
  • Autor(en): Dr.-Ing. Markus Brumm, Dipl.-Ing. Frank Seibicke
  • Artikel vom: 31 Januar 2016
  • Seitenaufrufe: 2928
  • Kategorie(n): WERKZEUG ANWENDUNGEN, Schleifmaschinen, Schleifen, Verzahnungsschleifen
  • Läppen oder Schleifen? – Welche Technologie ist in Zeiten von Industrie 4.0 die richtige Wahl?

    Kegelrad-Getriebe für die Automobilindustrie unterliegen höchsten Anforderungen: Diese müssen immer höhere Leistungen bei sinkendem Gewicht und Bauraum übertragen können. Dabei werden hohe Ansprüche an die Geräuschqualität und zunehmend an den Wirkungsgrad gestellt. Bereits bei der Dimensionierung der Kegelrad-Verzahnung fällt die Entscheidung, ob die Verzahnung geläppt oder geschliffen wird. Häufig entscheidet der vorhandene Maschinenpark, welche Technologie verwendet wird. Dennoch sollte die Frage „Läppen oder Schleifen?“ nicht nur bei Neuinvestitionen gestellt werden, da es Vor- und Nachteile bei beiden Verfahren gibt.

    Die Fertigungstechnik vollzieht aktuell einen Wandel, der in der Industrie und in der Wissenschaft mit dem Begriff Industrie 4.0 bezeichnet wird. Fertigungsprozesse müssen sich steigenden Anforderungen nach Flexibilisierung und Selbstoptimierung stellen. Die Voraussetzung ist, dass Informationen aus den Prozessen gewonnen und direkt durch Produktionssysteme verarbeitet werden können. Vor dem Hintergrund dieser Debatte um den Nutzen von Industrie 4.0 lohnt es sich, eine alte Frage in der Kegelrad-Fertigung neu zu diskutieren: „Sollen Kegelräder geläppt oder geschliffen werden?“

    Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Prozessketten geschliffener und geläppter Kegelrad-Verzahnung nur in der Hartfein- Bearbeitung. Die durch Wälzläppen erreichbaren Geometrieänderungen sind deutlich geringer als beim Verzahnungsschleifen. Folglich ist die Endqualität des geläppten Kegeltriebs in viel stärkerem Maß vom Ergebnis der vorangegangenen Prozessschritte abhängig. In der Fertigung bedeutet das deutlich höhere Aufwendungen für die Optimierung der Bauteil-Qualität beim Verzahnungsfräsen. Darin eingeschlossen ist das Vorhalten von Geometrieänderungen, die durch die Wärmebehandlung, meist Einsatzhärten, hervorgerufen werden. Die sogenannte Härteverzugskompensation ist erforderlich, weil diese Verzüge nur in geringem Maß durch das Läppen korrigiert werden können. Anders bei geschliffenen Verzahnungen: Aufgrund der im Vergleich zum Läppen deutlich höheren Materialabträge können deutlich größere Beträge von Härteverzügen eliminiert werden.

    Merkmale geläppter Kegelrad-Verzahnungen

    Aufgrund der kürzeren Verzahnzeiten werden geläppte Verzahnungen in der Großserie in der Regel im kontinuierlichen Verfahren (Face Hobbing) hergestellt. Kennzeichnend für diese Verzahnungen: eine konstante Zahnhöhe von der Zehe bis zur Ferse und eine Zahnlängskurve in Form einer Epizykloide. Daraus resultiert eine sich verringernde Lückenweite von der Ferse zur Zehe.

    Beim Kegelrad-Läppen erfährt das Ritzel eine größere Geometrieänderung als das Rad, da das Ritzel aufgrund der geringeren Zähnezahl mehr Eingriffe pro Zahn erfährt. Der Materialabtrag beim Läppen führt zu einer Reduzierung von Längs- und Höhenballigkeit – vornehmlich beim Ritzel – und zu einer damit verbundenen Reduktion des Drehfehlers. Im Ergebnis weisen geläppte Verzahnungen daher einen sanfteren Zahneingriff auf. Das Frequenzspektrum der Einflanken-Wälzprüfung ist gekennzeichnet durch vergleichsweise niedrige Amplituden der Harmonischen der Zahneingriffsfrequenz, begleitet von relativ hohen Amplituden in den Seitenbändern (Rauschen). Teilungsfehler werden beim Läppen nur geringfügig reduziert und die Rauheit der Zahnflanken ist größer als die geschliffener Verzahnungen. Charakteristisch für geläppte Verzahnungen ist, dass aufgrund der individuellen Härteverzüge jeder Zahn eine unterschiedliche Geometrie hat.

    Merkmale geschliffener Kegelrad-Verzahnungen

    In der Automobilindustrie werden geschliffene Kegelräder als Duplexverzahnungen ausgelegt. Geometrische Merkmale dieser Verzahnung sind eine konstante Lückenweite und eine von der Zehe zur Ferse zunehmende Zahnhöhe. Der Zahnfuß-Radius ist von der Zehe bis zur Ferse konstant und kann aufgrund der konstanten Lückengrund- Weite maximiert werden. Dies führt in Kombination mit dem Duplexkegel zu einer sehr hohen Zahnfuß-Festigkeit. Signifikant im Frequenzverlauf sind die eindeutig erkennbaren Harmonischen der Zahneingriffsfrequenz, begleitet von kaum sichtbaren Seitenbändern. Für das Verzahnungsfräsen im einzelteilenden Verfahren (Face Milling) stehen TwinBlades zur Verfügung. Die daraus resultierende hohe Anzahl an aktiven Schneiden steigert die Produktivität des Verfahrens auf ein sehr hohes Niveau, das mit dem kontinuierlich verzahnter Kegelräder vergleichbar ist. Das Kegelrad-Schleifen ist ein geometrisch exakt beschriebener Prozess, damit kann der Konstrukteur die finale Geometrie genau festlegen. Für die Gestaltung des EaseOffs stehen geometrische und kinematische Freiheitsgrade zur Verfügung, um das Laufverhalten und die Tragfähigkeit der Verzahnung zu optimieren. Die so generierten Daten sind die Basis für die Nutzung des Qualitätsregelkreises Closed-Loop, der wiederum die Voraussetzung für die Herstellung der genauen Sollgeometrie ist.

    Die geometrische Exaktheit geschliffener Verzahnungen führt zu einer geringen Varianz zwischen der Zahngeometrie einzelner Zahnflanken. Die Teilungsqualität der Verzahnung kann durch das Kegelrad-Schleifen deutlich verbessert werden.

    Einfluss der Hartfein- Bearbeitung auf die Triebsatz-Entwicklung

    Die Geometrie geläppter Verzahnungen ist das Ergebnis einer iterativen Entwicklung. Der Konstrukteur legt letztlich die finale Geometrie des Triebsatzes nur bedingt fest, da bei geläppten Kegelrad-Verzahnungen die Streuung der Endqualität größer ist als bei geschliffenen Verzahnungen. Daraus resultiert, dass auch der Einfluss der Fertigung auf die Laufqualität ebenfalls größer ist als bei geschliffenen Kegelrad-Verzahnungen. Dies führt zu einer größeren Unsicherheit bei der Triebsatz-Entwicklung, da der Konstrukteur stets den Fertigungseinfluss und die Qualität seiner Auslegung bewerten muss.

    Die hohe Geometrietreue geschliffener Kegelrad-Verzahnungen führt dazu, dass bei der Triebsatz-Entwicklung eine eindeutige Rückführung des Einsatzverhaltens der Verzahnung zur ausgelegten Geometrie möglich ist. Der Konstrukteur erhält ein eindeutiges Feedback, welche geometrische Abweichung zu einem schlechten Laufverhalten oder zu mangelnder Tragfähigkeit der Verzahnung führt – und gewinnt daraus Hinweise für eine optimierte Verzahnungsgeometrie.

    Klingelnberg Closed-Loop

    Wichtiger Bestandteil der Prozesskette zum Schleifen von Kegelrädern ist der Qualitätsregelkreis Closed-Loop. Bei der Verzahnungsauslegung definiert der Konstrukteur eindeutig die Sollgeometrie der geschliffenen Verzahnung. Basis des Klingelnberg Qualitätsregelkreises Closed-Loop sind ein virtueller Meister und eine virtuelle Verzahnmaschine: Auf dem Präzisionsmesszentrum werden die Abweichungen der geschliffenen Verzahnung gegenüber einem virtuellen Meister erfasst. Basierend auf dem Modell der virtuellen Verzahnmaschine werden aus den realen Abweichungen Korrekturdaten berechnet und der Schleifprozess angepasst. Damit beschreibt der Closed- Loop ein selbstoptimierendes System und ist ein gutes Beispiel für Industrie 4.0.

    In der Prozesskette geläppter Verzahnungen wird der Closed-Loop ebenfalls zur Qualitätsoptimierung der gefrästen Verzahnung verwendet. Im Vergleich zur Prozesskette der geschliffenen Verzahnung existiert aber keine virtuelle Beschreibung des Läppprozesses. Daher ist auch keine Selbstoptimierung des Kegelrad-Läppprozesses mit einem virtuellen Meister möglich. Der Bediener ist beim Läppen nach wie vor ein elementarer Bestandteil des Qualitätsregelkreises.

    In der Produktionskette geschliffener Kegelrad- Verzahnungen sind alle Klingelnberg Verzahnmaschinen mit der Produktionsdatenbank vernetzt. Der Closed-Loop für das Kegelrad-Fräsen umfasst die drei Prozessschritte des Messerschleifens, des Messerkopf- Einrichtens und des Kegelrad-Fräsens. Der Prozess des Kegelrad-Fräsens kann durch eine Optimierungsschleife ergänzt werden, um die Härteverzüge vorzuhalten. In diesem Fall wird der virtuelle Meister für den Qualitätsregelkreis des Verzahnungsfräsens korrigiert. Die Härteverzugskorrektur kann bei geschliffenen Verzahnungen entfallen, da der Prozess unempfindlich gegenüber der Eingangsqualität ist. Zudem wird das Kegelrad-Schleifen über einen eigenen Qualitätsregelkreis optimiert. Sollten schwankende Härteverzüge in der Produktion die Qualität des geschliffenen Bauteils beeinflussen, wird dieser Einfluss im Closed-Loop des Kegelrad- Schleifens eliminiert. Diese Möglichkeit besteht beim Läppen nicht.

    Fazit

    Die Wahl des Hartfein-Bearbeitungsverfahrens ist auch im Zeitalter von Industrie 4.0 in erster Linie eine Frage der Anwendung. Aufgrund der Zahnform und der erreichbaren Qualität bietet sich das Kegelrad-Schleifen für sehr hoch belastete Getriebe und höchste Geräuschanforderungen an. Bei stark streuenden Härteverzügen und geforderter Flexibilität der Produktion ist das Kegelrad-Schleifen ebenfalls dem Kegelrad- Läppen vorzuziehen, um unverhältnismäßig große Aufwendungen für Härteverzugskompensationen zu vermeiden. Ein weiterer entscheidender Vorteil: Fertigung im selbstoptimierenden Closed-Loop ermöglicht den Aufbau dezentraler Produktionsnetzwerke, um standortübergreifend eine gleichbleibend hohe Fertigungsqualität sicher zu stellen. Die Vernetzung dezentraler Produktionsstätten in einem globalen Produktionsnetzwerk wird zukünftig der Erfolgsfaktor sein, um ortsunabhängig wirtschaftlich höchste Qualitäten bereitstellen zu können.


    Dr.-Ing. Markus Brumm


    Technologiezentrum
    Werkzeugmaschinen/Gesamtleiter,
    Klingelnberg GmbH

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    Dipl.-Ing. Frank Seibicke


    Leitung CA-Tools,
    Klingelnberg GmbH

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