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Weit über die Grenzen von Tirol
  • Firma: CarbonCompetence GmbH
  • Autor(en): Katja Dümpert
  • Artikel eingestellt am: Donnerstag, 01 Dezember 2016
  • Artikel: 059-040-de
  • Seitenaufrufe: 562
  • Weit über die Grenzen von Tirol

    Verwaiste Hallen, altes Gebäude – und nicht mehr wirtschaftlich genutzt… Eigentlich war das ehemalige Swarovski-Firmengebäude aus dem 19. Jahrhundert in Wattens (Tirol) schon längst dem Abriss bestimmt. Doch die alten Gemäuer hatten einen Charme, den man sich als Besucher nicht entziehen konnte. Schließlich wurde schon 1895 in der am Wattenbach liegenden Glasschleiferei von Daniel Swarovski aus kleinen Anfängen Großes geschaffen. Nicht zuletzt deswegen entschlossen sich die Swarovski-Familie zusammen mit der Stadt Wattens das geschichtsträchtige Gebäude zu neuem Leben zu erwecken. Ein internationales Gründerzentrum mit allen denkbaren Finessen für Start-ups und Unternehmen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen wurde errichtet. Das traditionelle Swarovski-Gebäude vereinigt nun wieder viele wache, erfinderische und kluge Köpfe, die überzeugt sind, Großes zu bewirken und Ihre (Geschäfts-)Ideen weit über die Grenzen von Tirol hinaustragen werden. Zwei dieser kreativen Köpfe der „Werkstätte Wattens“ sind das Ehepaar Doris und Detlef Steinmüller aus Tirol mit Ihrem Unternehmen CarbonCompetence. Die beiden promovierten Physiker wagten nach ihrem Studium 1994 gleich den Weg in die Selbständigkeit und gründeten das Physikalische Büro Steinmüller. Doch aus der reinen Berater-Dienstleistung entwickelte sich schnell, im Keller ihres Hauses improvisiert, eine bahnbrechende Erfindung: Ultra-nano kristalline Diamantschichten wurden erstmals mithilfe einer neuen Technologie speziell für die Werkzeugtechnik hergestellt.

    So wurde aus der damaligen Erfindung bald ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell. rho-BeSt coating wurde zwei Jahre später gegründet. Das Unternehmen wuchs schnell von anfangs vier Mitarbeitern auf 20 Beschäftigte im Jahr 2008 an. Doch dann kam etwas, was viele Unternehmen in existenzielle Nöte brachte: Die Wirtschaftskrise hielt die Welt für viele Monate in Atem. Ebenso die Steinmüllers, die trotz guter Auftragslage, aber aufgrund mangelnder Liquidität in die Knie gezwungen worden sind. Steinmüllers verkauften rho-BeSt coating an ein deutsches Unternehmen, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.

    Als Geschäftsführer haben Herr und Frau Steinmüller das Lohnbeschichtungs-Unternehmen weiter geführt, jedoch von den Kunden immer häufiger erfahren, dass deren Bedürfnisse woanders liegen: Schnelligkeit, Verfügbarkeit, absolute Reproduzierbarkeit und erforderliche Vertraulichkeit der teilweise neuesten Werkzeuggenerationen ließen immer mehr erahnen, dass die reine Lohnbeschichtung nicht das richtige Geschäftsmodell sei. Deshalb starteten Steinmüllers aus eigener Kraft, mutig und entschlossen ihren Neuanfang. Wieder wurde bei Null angefangen, wieder im Keller des Wohnhauses und mit nur einem langjährigen Mitarbeiter. Überraschend schnell fand sich ein strategischer Partner, der den Bau der ersten Anlagen sicherstellen konnte. Vor fast einem Jahr wurde dann in die „Werkstätte Wattens“ (auch „Wattens Valley“genannt) umgezogen und von dort aus liefert das sechsköpfige CarbonCompetence-Team die ersten industriellen Diamantbeschichtungsanlagen in die ganze Welt.

    Konzeptionell hat sich nun einiges geändert und viele interessante Pläne liegen noch in der Schublade. Darüber und über vieles andere mehr sprechen Detlef und Doris Steinmüller im Interview.

    DIAMOND BUSINESS: Sie waren mit rho-Best coating am Markt so gut etabliert und plötzlich wurden Sie durch die Finanzkrise ganz weit zurückgeworfen. Wie geht man damit um?

    Tatsächlich war es eine harte Zeit und es hat viel Kraft gekostet, aber schließlich war uns beiden klar, dass wir weitermachen würden. Jammern hilft keinem weiter. Wir wollten wieder selbstbestimmt arbeiten, um effizient und erfolgreich zu sein. 25 Jahre Erfahrung in der Diamantbeschichtung, das Wissen um die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, die der Diamant bietet und der Wille immer das Beste aus unseren Anlagen herauszuholen, motivierte schließlich uns beide, an unserer Idee festzuhalten.

    Welche Idee meinen Sie konkret?

    Wir bauen nun Beschichtungsanlagen maßgeschneidert entsprechend den Bedürfnissen und Vorgaben der Kunden. Wir bieten nicht mehr die Beschichtung von Verschleißteilen an, sondern setzen vielmehr auf „Diamant 4.0“ – auf Industrieanlagen mit automatisierten Prozessen, die wir entwickelt haben. Die Technologie zur Herstellung der Nanodiamanten wird in eine ganze Fertigungsanlage verpackt. Damit sprechen wir von einer ganz anderen Anlagengeneration als noch vor ein paar Jahren. Alle Prozesse sind reproduzierbar und laufen automatisch ab. Installierte Sensoren kontrollieren den Ablauf und regeln bei Bedarf entsprechend. So ist erstmals die Zuverlässigkeit der Diamantbeschichtung garantiert.

    Konnten Sie schon viele Kunden von Ihrer Idee überzeugen?

    Ja, erfreulicherweise wurden bereits zwei Anlagen verkauft – drei weitere sind in Verhandlung und eine sechste ist im Gespräch. Ein Kunde, der schon eine Anlage gekauft hat, ist nun auch an einer zweiten interessiert.

    Worin liegt denn der konkrete Vorteil in der Beschichtungsanlage „Diamant 4.0“ begründet?

    Zum einen spart der Kunde Ressourcen durch den weitaus geringeren Energieverbrauch ein. Nur noch 1/3 der Energie herkömmlicher Anlagen wird benötigt. Außerdem sprechen wir von weitaus wirtschaftlicheren Wachstumsraten (0,5-1µ/Stunde) und auch die niedrigere Beschichtungstemperatur bringt große Vorteile mit sich. Um die Anlage zu bedienen, ist kein spezialisiertes Personal notwendig, da Rezepte angepasst auf das jeweilige zu beschichtende Produkt vollautomatisch ablaufen. Für Weiterentwicklungen steht unser Team von CarbonCompetence jedoch immer bereit.

    Planen Sie weitere Standorte?

    Um einen nachhaltigen Service bieten zu können, ist es wichtig vor Ort zu sein und den Kunden laufend zur Verfügung zu stehen. Konkrete Überlegungen, auch ins Ausland zu gehen, gibt es. Die Zentrale wird aber auf jeden Fall in Wattens bleiben.

    Vor welche Herausforderungen werden Sie gestellt?

    Wir haben aus unseren Fehlern gelernt, deshalb ist es für uns immer eine besondere Aufgabe, die Liquidität im Auge zu behalten. Gerade auch deswegen, weil wir mit unseren Anlagen in Vorleistung gehen müssen. Jeder weiß: Ein guter Cashflow ist lebensnotwendig für ein gesundes Unternehmen. Deshalb sind wir in diesem Punkt sehr sensibel und achten auf ein gesundes, durchaus langsames Wachstum. Außerdem warten auf uns tagtäglich unzählige Aufgaben, die nicht an andere delegiert werden können. Das macht es zeitweise auch sehr anstrengend. Unsere „To-Do-Liste“ erfordert daher ein sehr gutes Zeitmanagement.

    Was wird der Markt fordern?

    Energie- und Ressourceneinsparungen werden natürlich ein beherrschendes Thema der Zukunft bleiben. Aber auch innovative Oberflächentechnologien werden Inhalt industrieller Überlegungen sein.

    Frau Steinmüller: Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erreichen?

    Nun, zunächst hoffe ich, dass der Anlagenbau in den nächsten Jahren weniger Zeit in Anspruch nimmt und zunehmend zum Selbstläufer wird. Ich habe noch viele Ideen, die ich in der Entwicklung und Forschung gerne einmal umsetzen möchte. Mein Traum ist es, unsere Nanodiamanten im Bereich der Sensorik und Diagnostik bei Krankheiten, aber auch für die Umwelt oder im Lebensmittelbereich auf den Markt zu bringen. Die Eigenschaften von Diamant als Halbleitermaterial sind hervorragend. So werden Sensoren empfindlicher, schneller und robuster.

    Das klingt schon eher nach medizinischen Studien?

    Tatsächlich konnte ich mich zu Beginn meines Studiums nicht entscheiden, ob ich nicht doch lieber Medizin studieren sollte. Heute kann ich meine Leidenschaft für Physik und meine Begeisterung für Medizin verbinden und einen echten Beitrag zur Früherkennung von Krankheiten und Verbesserung vieler gesundheitlicher Probleme leisten.

    Im Bereich der Implantologie und Sensorik leiten Sie schon seit 2002 zahlreiche Forschungsprojekte. Was haben diese Themen mit Diamant zu tun? Mit ultra-nanokristallinem Diamant beschichtete Implantate heilen rascher ein, da durch die Nanostruktur eine vergrößerte Oberfläche für Interaktion mit Zellen und körpereigenen Proteinen gegeben ist. Diamant besteht nur aus Kohlenstoff und ist daher per se biokompatibel. Des Weiteren haben wir die Möglichkeit, die Oberfläche antibakteriell und hydrophil (www.dialife.org) zu gestalten. Im Bereich der Sensorik setzen wir unsere Diamantschichten als sogenanntes „Transducer“-Material in Biosensoren ein. Diamant ist empfindlicher, schneller und robuster und damit können wir rasch kleinste Mengen eines „Analyten“ detektieren, was sowohl in der Früherkennung von Krankheiten, als auch in der Umwelt- und Lebensmittelindustrie Anwendung findet.

    Frau Dr. Steinmüller, als Vollblutunternehmerehepaar und Eltern dreier Kinder (zwischen 15 und 20 Jahren) gestaltet(e) sich der Arbeitsalltag für Sie beide bestimmt nicht immer ganz einfach. Darüber hinaus engagieren Sie sich zusätzlich noch für den Rotary-Club Innsbruck Alpin in der Funktion als Sozialprojektverantwortliche als auch wohnortnah im Bereich der Flüchtlingshilfe. Wie ist es Ihnen möglich, alle Aufgaben miteinander zu vereinen?

    Darauf gibt es vermutlich keine einfache Antwort – ich denke, man muss es einfach tun. Das, was mir am Herzen liegt, dort wo ich etwas bewegen und helfen kann, tue ich das gerne. Meine Familie gibt mir die Stärke und vieles funktioniert nur, weil mein Mann und ich gemeinsam an einem Strang ziehen. Durch meine Recherchen habe ich zufällig erfahren, dass Sie mehrfach in ihrem Leben ausgezeichnet wurden. Erst im letzten Jahr wurden Sie zur Tirolerin des Jahres gewählt und haben den Unternehmerinnen-Award 2015 gewonnen. Was bedeuten Ihnen diese „Awards“?

    Ich habe lange überlegt und auch mit meiner Familie besprochen, ob ich diese „Auszeichnungen“ annehmen soll. Letztendlich habe ich dann stellvertretend für viele tolle Frauen zugesagt. Natürlich habe ich mich gefreut und die „Awards“ bedeuten mir insofern etwas, dass ich zeigen kann, dass es auch in schwierigen Zeiten einen Weg gibt, den man jedoch selbst gehen muss – von alleine ändert sich nichts: Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weiter geht’s.

    Welches Lebensmotto geben Sie uns mit auf den Weg?

    Das Zitat von Joachim Ringelnatz finde ich hier sehr treffend: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt“. Wenn man Dinge oder sich selbst zu ernst nimmt, kann das unnötigen Stress auslösen und dafür sorgen, dass man sich über Sachen den Kopf zerbricht, die das nicht wert sind. Man tut sich selbst einen Gefallen, gelassen zu bleiben und den Blickwinkel einfach zu ändern.

    Firmen-Information

    CarbonCompetence GmbH
    Gegründet: Januar 2014

    Geschäftsführer:
    Dr. Detlef Steinmüller

    c/o Werkstätte Wattens, Weisstraße 9
    6112 Wattens, Austria
    +43 664 4367223 oder +43 664 5470598
    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

    Produktportfolio:
    Maßgeschneiderte, industrielle Diamant 4.0® Beschichtungsanlagen (CE-zertifiziert) und dazugehörige reproduzierbare Prozesse, F&E Partner in Sachen Diamantbeschichtung
    Mitarbeiter: 6
    Jahresumsatz: 2015 |250.000,- €
    Exportanteil: 100%

    Auszeichnungen/Standards:
    2015 – Gewinnerin des Unternehmerinnen-Award 2015 der Österreichischen Wirtschaftskammer und Frau in der Wirtschaft