Thema: Steht hinter dem Brexit nur ein "schlimmes Szenario", oder gibt es auch Möglichkeiten und Chancen der Gestaltung, die in der Vergangenheit eher nicht bestanden?

Joachim Kalsorf | AFAG Messen und Ausstellungen GmbH

Mit über 1/3 ausl. Ausstellern und nahezu dem gleichen Anteil ausl. Besucher unterstreicht die GrindTec wiederholt ihren Status als internationale Fachmesse. Der Anteil brit. Aussteller ist seit Jahren mit ca. 10 Firmen konstant, von den 30 % ausl. Besuchern kommen ca. 3% aus Großbritannien (lt Gelzus Messemarktforschung). Wir erwarten somit aus dem Brexit keine signifikanten Auswirkungen auf die GrindTec. Zweifellos können die Auswirkungen auf unsere Aussteller erheblich sein. Deutschland ist laut VDMA der wichtigste Maschinenlieferant Großbritanniens. Darüber hinaus ist die Insel der viertgrößte Absatzmarkt für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau und somit ein wichtiger Investitionsstandort. Wichtig ist, dass der bisherige ungehinderte Waren- und Dienstleistungsverkehr weiter ermöglicht wird. Firmen, die international tätig sind, wissen um die Nachteile von Zöllen und überbordender Bürokratie.

Jochen Kress | Mapal

Viele unserer Kunden sind global agierende Unternehmen, die ihre Produkte in internationaler Arbeitsteilung herstellen. Mapal Kunden in England sind vielfach Tochtergesellschaften weltweit tätiger Unternehmen und speisen ihre Produkte in deren Fertigungsnetzwerke ein. Der Brexit bedeutet eine Unterbrechung dieser Netzwerke, beispielsweise durch Zollschranken. Die mittel und langfristigen Folgen des Brexit sind zum heutigen Zeitpunkt nur schwer abzusehen. Schlussendlich wird er aber auch unser Unternehmen belasten.

Wilfried Schäfer | VDW

Politisch ist das Votum der Briten für den EU-Austritt ein Schock. Dass eines der europäischen Kernländer dem historischen Nachkriegsprojekt Europäische Union den Rücken kehrt, ist mehr als bedauerlich. Es führt darüber hinaus zu allgemeiner Verunsicherung der europäischen Wirtschaft und Vertrauensverlust bei den internationalen Geschäftspartnern. Die Entwicklung an den Börsen und beim Britischen Pfund, bereits kurz nach Bekanntwerden des Brexit-Votums, gaben einen Vorgeschmack darauf. Es wird jetzt maßgeblich darauf ankommen, wie der weitere Fahrplan aussieht und wie schnell es der Politik gelingt, Märkte und Investoren zu beruhigen. Davon hängt teilweise auch ab, ob die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ihr Produktionswachstum von einem Prozent im laufenden Jahr realisieren kann. Im bilateralen britisch-deutschen Werkzeugmaschinengeschäft wurde der Brexit bereits ein Stück weit vorweggenommen. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken die Exporte um 35 Prozent, die Bestellungen um fast 50 Prozent. Unsere wichtigsten Abnehmer in Großbritannien sind Flugzeug- und Automobilindustrie. Sie investieren strategisch und projektbezogen. Währungsschwankungen beeinflussen ihre Aktivitäten weitaus weniger als bei mittelständischen Anwendern. Für das laufende Jahr erwartete Oxford Economics, britischer Prognosepartner des VDW, noch im Frühjahr einen Zuwachs der Investitionen in den wichtigsten britischen Abnehmerindustrien für Werkzeugmaschinen um über 9 Prozent. Da die deutschen Hersteller mit Abstand wichtigste Lieferanten für die britische Industrie sind, hätten sie davon kräftig partizipieren können. Im vergangenen Jahr stand Großbritannien mit einem Volumen von rd. 313 Mio. Euro auf Platz 11 der wichtigsten Märkte für die Branche. Sorgen bereitet auch der reibungslose Waren- und Leistungsaustausch zwischen deutschen Herstellern und ihren britischen Tochterunternehmen. Im Vertrauen auf stabile Rahmenbedingungen haben etliche Unternehmen auf der Insel investiert. Unter welchen Bedingungen ihr Geschäftsmodell künftig funktioniert, ist bislang noch völlig unklar.

Wilfried Saxler | Fachverbandes Deutsche Präzisions-Werkzeugschleifer e.V. (FDPW)

Das deutsche Handwerk war lange Zeit national orientiert. Aber in den letzten Jahren hat sich das enorm geändert und das Handwerk hat sich auf den europäischen Raum ausgedehnt. Zehn Prozent der Handwerksunternehmen arbeiten im Ausland (Quelle: Zentralverband Deutsches Handwerk). Es gibt zahlreiche Gewerke, die von der Automobilbranche abhängen. So zum Beispiel die Feinwerkmechaniker und unser Handwerk: Die Schneidwerkzeugmechaniker. Viele unserer Werkzeugschleifbetriebe arbeiten aber auch grenznah zu Nachbarländern oder bieten ihre Dienstleistungen via Internet an. Damit ist man mitten drin in Europa.

Großbritannien war laut Statistischem Bundesamt 2015 mit knapp 90 Milliarden Euro an Platz 3 des deutschen Exportländer- Rankings. Das sagt genug über die Bedeutung der Briten für die deutsche Wirtschaft. Großbritannien bietet einen großen Absatzmarkt für die deutsche Automobilindustrie, weshalb auch die Zulieferer aus dem Schneidwerkzeugmechaniker- Handwerk vom Brexit betroffen sind.

Durch den Brexit war der Juni für den Maschinen- und Anlagenbau von Turbulenzen auf den Finanz- und Aktienmärkten geprägt. Dies war u.a. an den steigenden Rohstoffpreisen zu spüren.

Klar ist, dass das Vereinigte Königreich nach der Entscheidung, die EU zu verlassen, die Konsequenzen zu tragen hat. Die neue britische Premierministerin Thesesa May und ihr neues Kabinett haben nun keine leichte Aufgabe, um den Ausstieg abzuwickeln.

Aber Europa darf jetzt auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Darüber ist man sich im deutschen Handwerk einig. Vieles der britischen Kritik war ja berechtigt. Die EUKommission muss beispielsweise einen Strich ziehen und ihre bisherige Arbeit überprüfen. So soll auch das vor Kurzem vom Präsidenten des EU-Parlamentes, Martin Schulz, Gesagte gelten: Es sollte nämlich bei neuen Aktivitäten dreimal hingeguckt und geprüft werden, ob sie wirklich notwendig sind. Voraussetzung dafür ist natürlich die Geschlossenheit und ein besseres Miteinander der verbleibenden EU-Mitglieder.

Es bleibt nun abzuwarten, wie die gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie z.B. für Ausfuhr und Zoll, gestaltet werden. Davon hängt dann ab, wie attraktiv Großbritannien als Wirtschaftsmarkt sein wird. Das haben allerdings unsere Werkzeugschleifbetriebe nicht in der Hand. Hier sind wir ganz klar von der Politik abhängig. Hoffen wir das Beste!

Artikel

058-094-d