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  • Artikel eingestellt am: Dienstag, 13 Mai 2014
  • Autor(en): Elisabeth Strack
  • Diamanten aus dem Kongo: Vom adeligen Privatbesitz bis hin zur Geheimdienst-Spielwiese

    2012 wies sich das Foreign Policy Magazine der Demokratischen Republik Kongo den zweiten Platz auf der Liste der "10 top most failed states" zu. An erster Stelle stand Somalia, drei weitere diamantenproduzierende afrikanische Länder, nämlich Simbabwe, die Zentralafrikanische Republik und die Cote d' Ivoire nahmen die Plätze 5, 10 und 11 ein. Der Maßstab für die Zuordnung als gescheiterter Staat umfasst in erster Linie die Parameter "wirtschaftlicher Niedergang, Verletzung von Menschenrechten, allgemeine Gesetzlosigkeit und Mangel an Sicherheit". Leider genügt die Demokratische Republik Kongo den Anforderungen auf geradezu vorbildliche Art und Weise, im Human Development Index der Vereinten Nationen nimmt sie den letzten Platz ein. Dabei besitzt das Land reiche Bodenschätze, mit denen es auf einer weltweiten Ranking-Liste einen der oberen Platz einnehmen könnte.

    Die unglückliche Situation, in der sich das Land heute befindet, ist ein Resultat europäischer Kolonial- geschichte. Sie beginnt mit Leopold II., König der Belgier, der das Territorium 1885 als Kongo-Freistaat persönlich in Besitz nimmt. Im eigentlichen Sinn hat die Ausbeutung durch Kolonialherren aber bereits im 17. Jahrhundert mit dem Sklavenhandel begonnen, der von Westen her durch die christlichen Portugiesen und von Osten, von Sansibar aus, durch die rücksichtslosen islamischen Araber erfolgte. Leopold II. war der Sohn von Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha, der in erster Ehe mit Charlotte Augusta, der Tochter des späteren englischen Königs Georg IV., verheiratet gewesen war. Der belgische Thron wurde ihm 1831 angetragen, zu einem Zeitpunkt, als Belgien einen eher unbedeutenden Platz in Europa einnahm. Als Leopold I. ging er in die europäische Geschichte ein, die er gezielt zu beeinflussen wusste. Unter anderem stiftete er die Ehe zwischen der englischen Königin Victoria, seiner Nichte, und seinem Neffen Prinz Albert, ebenfalls von Sachsen-Coburg und Gotha. Einer der engsten Berater des neuen belgischen Königs war Christian Friedrich von Stockmar, den er aus Coburg mitgebracht hatte und der Erzieher von Prinz Albert gewesen war. Leopold I. hatte sich nach dem Fehlschlagen zur Gründung von Kolonien in Südamerika weitgehend von Kolonialideen distanziert, aber sein Sohn Leopold II., der ihm 1865 auf den belgischen Thron folgte, wollte Belgien durch den Erwerb von Kolonien zu Ruhm und Macht verhelfen. Er finanzierte zunächst eine internationale geographische Konferenz im September 1876 in Brüssel, auf der die vorgeblich wissenschaftlich-philantropische "Association Internationale Africaine"zur Entwicklung Afrikas gegründet wurde. Es folgte 1878 die Gründung eines Komitees zur Untersuchung des Oberlaufs des Kongos, mit dem er Leopold Henry Morton Stanley beauftragte, das Land zu erkunden und Land zu erwerben.

    Privateigentum Kongo

    In der Folge brachte Stanley mehr als 400 Stammesfürsten dazu, ihr Land an Leopod II. zu überschreiben. Nach einem Beschluss der Afrikakonferenz von 1885 in Berlin ging der Freistaat Kongo in das Privateigentum von Leopold II. über. Von diesem Zeitpunkt an gehörte "der Kongo", etwa siebzigmal so groß wie Belgien(!), ganz allein dem belgischen König. Dieser begann sofort mit der direkten Ausbeutung der Bodenschätze, als deren positive Seite lediglich die Errichtung einer Infrastruktur und der Bau von Eisenbahnlinien angesehen werden kann. Die negativen Seiten überwogen, denn die Methoden der Gewinnung, insbesondere von Elfenbein und Kautschuk, und das Verhalten der eigens gegründeten Kongo-Armee gingen mit unvorstellbaren Grausamkeiten einher. Später sprach man von 10 Millionen Toten. Schon damals fanden schwerste Menschenrechtsverletzungen statt, die sich in den letzten vierzig Jahren wieder holen sollten. Im eigenen Land stieß Leopold II. schließlich auf so viel Widerstand, dass er 1908, ein Jahr vor seinem Tod, einem Gesetz zustimmte, das aus dem Kongo die Kolonie "Belgisch-Kongo" machte. Die Kolonialzeit stellte, im Nachhinein betrachtet, eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs dar, der allerdings in erster Linie den Europäern im Land zugute kam. 1960, im Jahr der Unabhängigkeitserklärung, übernahm Patrice Lumumba die Regierung des neu gegründeten Staates Kongo.

    Geheimdienst-Spielwiese

    Sie sollte von kurzer Dauer sein, denn der charismatische Politiker wurde noch im gleichen Jahr ermordet, wahrscheinlich, wie heute fast sicher feststeht, mit Hilfe der belgischen und us-amerikanischen Geheimdienste, die eine zu enge Anlehnung des sozialistisch gesonnenen Lumumba an die Sowjetunion fürchteten. Auf Lumumbas Tod folgten die Diktatur Mobutus und die Umbenennung des Landes in Zaire. Der Name wurde 1997 aufgegeben, als Laurent-Desiré Kabila den Diktator stürzte, der sich stets der Unterstützung des Westens im Kampf gegen die Sowjetunion hatte erfreuen können. Die Folge waren blutige Bürgerkriege, für die die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright die Bezeichnung "afrikanischer Weltkrieg" fand. Erst 2002 gab es ein Friedensabkommen, nachdem Kabila einem Attentat zum Opfer gefallen und sein Sohn Joseph Staatspräsident geworden war. Im Osten des Landes finden weiterhin Kämpfe statt, die vor allem durch die Konflikte zwischen Hutu und Tutsi, vom benachbarten Ruanda ausgehend, immer wieder am Leben gehalten werden. 2007 bis 2009 fand der dritte Kongokrieg statt, dessen Einfluss auf das wirtschaftliche und politische Leben des Landes verheerend war und der die 2006 stattgefundenen ersten freien Wahlen noch im Nachhinein zu einer Farce geraten ließ, fast vergleichbar dem stets eleganten Auftreten des neuen Staatspräsidenten.

    Diamanten aus dem Kongo

    Geographisch gesehen liegt das Land in der Mitte des afrikanischen Kontinentes und grenzt, abgesehen von einer kleinen Strecke am Atlantischen Ozean, an neun weitere Länder. Dies sind die Zentralafrikanische Repubik, der Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia, Angola und die Republik Kongo, die frühere französische Kolonie Kongo-Brazzaville. Es wird durchflossen vom 4.374 Kilometer langen Kongo-Fluss, einem der längsten Flüsse der Welt. Sein größter Nebenfluss ist der aus Angola kommende Kasai-Fluss, der die diamantführenden Provinzen Kasai-West und Kasai-Ost durchfließt. Im Januar und März 1914 erreichten zwei Pakete mit Rohdiamanten aus dem Kasai-Gebiet Antwerpen, sie enthielten je 6795 bzw. 5000 Karat und waren für eine Auktion der Société Générale de Belgique bestimmt. Die Suche nach Diamanten war gezielt von der Société Forestière et Minière, kurz Forminière, seit Ende 1906 in Angriff genommen worden, die Gesellschaft war von Leopold II. persönlich gegründet worden. An der Gesellschaft war das amerikanische Ryan-Guggenheim Unternehmen beteiligt, das Erfahrung im Bergbau mitbrachte. Erst 1911 wurden in mineralogischen Bodenproben aus dem Kasai-Fluss Diamanten entdeckt, denen schon 1907 vereinzelte Funde, vor allem durch den belgischen Prospektierer Narcisse Janot, vorangegangen waren. Im September 1911 gründet die Forminière im Kasaigebiet, am Zusammenfluss von Tshikapa und Kasai, die erste improvisierte Niederlassung. Sie liegt im Zentrum eines 20.000 Quadratkilometer großen, bewaldeten Gebietes alluvialer Vorkommen, und die Diamanten wurden sowohl aus dem Flussgeröll als auch aus dem Konglomerat ehemaliger Flussterrassen gewonnen. Der Abbau erfolgt zunächst nur von Hand, aber bald kommen Förderwagen und Förderbänder und Schüttelsiebe hinzu. Nach dem Friedensschluss von 1919 will Belgien eine eigene Verkaufsstelle organisieren, schließt aber stattdessen einen Vertrag mit der De Beers-Gruppe, und ab 1922 erfolgt der Verkauf der Kongo-Produktion über die Londoner Agentur von De Beers. Nach 1933 war die Diamond Corporation als Mitglied der Diamond Producers Association innerhalb des Syndikates für die vertrag- lichen Ankäufe der Produktionen außerhalb des Gebietes von Süd- und Südwestafrika zuständig. Belgisch-Kongo war einer der ältesten Outside-Partner der Corporation. Im Dezemer 1918 werden im Bushimaie-Fluss Diamanten entdeckt und später werden bei Bakwanga, der heutigen (Diamanten)Industriestadt Mbuji-Mayi, große Vorkommen entdeckt. Es handelt sich um die größten afrikanischen Vorkommen nach denen im Kimberley-Gebiet von Südafrika, und sie bringen Belgisch-Kongo an die Spitze der Weltproduktion. 1939 liefert das Land 67 Prozent aller Diamanten weltweit, der Anteil an Industriediamanten und Diamant-Boart ist überwältigend hoch. Boart fand zuerst eine Abnahme in den Schwerindustrien für den Zweiten Weltkrieg. Im Gebiet von Mbuji-Mayi, einer Hochebene, stellte das Abtragen einer bis zu 30 Meter dicken Schicht aus taubem Gestein, die oberhalb der diamanthaltigen Schicht liegt, eine technische Herausforderung dar. Die technische Aufrüstung erfolgte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, noch in der Kolonialzeit. Dazu gehörten große Bagger, auch vielseitige Eimerbagger, Bulldozer und schwere Lastwagen. In den 1970er und 1980er Jahren folgen vollautomatische Waschanlagen zum Aufbereiten und Sortieren des diamanthaltigen Gerölls, die schwere Flüssigkeiten und Röntgensysteme verwenden. Darüberhinaus werden kilometerlange Förderbänder angelegt, die das Geröll direkt in die Waschanlagen transportieren. Daneben wurde auch der direkte Abbau in den Flüssen in Angriff genommen, man wendete z.B. am brasilianischen Abbau des 18. Jahrhunderts orientierte Verfahren an, wie die Umleitung von Wasserläufen und das Austrocknen von Flussbetten durch Fangdämme. Erst 1946 werden nach gezielter Suche Anzeichen diamanthaltiger Kimberlite entdeckt, sie verteilen sich kranzförmig im Gebiet zwischen den Flüssen Kanshi und Bushimaie. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Kongo zum größten Abbaugebiet für Diamanten weltweit, die Produktion beträgt 1961, ein Jahr nach der Unabhängigkeit, 18 Millionen Karat. Es ist vielleicht von Interesse, im Vergleich dazu die Zahl der Produktion von 2010, 22 Millionen Karat, zu nennen. 1960, im Jahr der Unabhängigkeit, übernimmt die MIBA (Société Minière de Bakwanga) den Abbau, sie kommt 1973 unter staatliche Kontrolle. Sie ist noch heute für den offiziellen, technisierten Abbau im Gebiet von Mbuji-Mayi zuständig. Die Regierung hält mittlerweile 80 Prozent an der Gesellschaft, 20 Prozent gehören der Sibeka, an der De Beers wiederum 20 Prozent besitzt.

    Konfliktsiutation

    Seit den 1970er Jahren nimmt die illegale Gewinnung zu, weil immer größere Teile der diamanthaltigen Felder von einheimischen Gräbern abgebaut werden. Sie verwenden häufig nicht mehr als eine Schaufel, und stellen an und für sich keine neue Bedrohung dar. Es gibt sie seit den Anfangsjahrzehnten, und schon in den 1950er Jahren unterhielt die Diamond Corporation der De Beers-Gruppe in Tschikapa ein Kaufbüro, um von den einheimischen Schürfern aufzukaufen. Dies war in erster Linie ein Mittel, um dem Schmuggel in die Nachbarländer vorzubeugen. Von Anfang an arbeiteten die Schürfer in unmittelbarer Nachbarschaft der offiziellen Anlagen und wurden mehr oder weniger geduldet. Erst in den 1990er Jahren übernahmen Rebellengruppen, vermischt mit aus Ruanda eingedrungenen Hutus, die Kontrolle in den Gebieten, die sich dann zum Kriegsgebiet zwischen Armee und Milizen ausweiteten. Diamanten dienten zur Finanzierung der Kämpfe und gerieten bald in einen Strudel der Illegalität. 2004 wird der Kongo aus dem Kimberley-Abkommen vorübergehend ausgeschlossen. Während inzwischen „Normalität“ eingekehrt ist und 2011 sogar die jährliche Kimberley-Konferenz in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, stattfand, gehen die Kämpfe im östlichen Teil des Landes weiter. Das deutsche Auswärtige Amt warnt auf seiner Internetseite ausdrücklich vor Besuchen dieser Landesteile und kündigt an, dass Gewaltausbrüche überall und zu jeder Zeit möglich seien.

    2007 gerät auch die etablierte kongolesische Diamantenindustrie selbst, bedingt durch die ständige Kriegssituation, in eine Schuldenkrise. Die Regierung nimmt bei der privaten Rawbank, die einer indischen Familie im Kongo gehört, einen Kredit von etwa 11 Millionen Dollar auf und vergibt als Sicherheit Lizenzen zur Förderung, deren Ertrag die Kreditsumme bei Weitem übersteigen würde. Diese ungute Situation führte zu einem Rückgang der Produktion in 2007 und 2008. Auf der anderen Seite gibt es in den letzten fünf Jahren verstärkte Bemühungen einer staatlichen Kontrolle der einheimischen Diamantenförderer, die auch danach strebt, ihnen eine Form des Existenzminimums zu garantieren. Ein Beispiel dafür ist der in einer Nebenstraße von Kinshasa angesiedelte Open Air Diamond Market, auf dem die Schürfer ihr Produktion zu fairen Preisen an Zwischenhändler verkaufen können, die ihrerseits an indische, israelische und libanesische Händler weiterverkaufen. Schmuggelware wird nicht akzeptiert. Vor einigen Jahren wurde die DDI, die Diamond Development Iniative, gegründet, die genau das "artisanal mining" unterstützen will. Der Begriff umschreibt den "Kleinstbergbau", mit dem das Graben von Hand, höchstens unter Anwendung einfacher Hilfsmethoden wie Schüttelsieben, gemeint ist. Die DDI geht auf eine Iniative des kanadischen Außenministeriums zurück, mittlerweise ist das kongolesische Bergbauministerium ebenfalls beteiligt. Ziel der Initative ist eine bessere Ausbildung der Diamantenschürfer, die Erhöhung der Sicherheit, die Eindämmung von Schmuggel und vor allem auch die Vermeidung von Kinderarbeit und Prostitution in den ländlichen Gegenden der Diamantenfelder. Trotz aller Bemühungen kann aber wahrscheinlich immer noch davon ausgegangen werden, dass etwa ein Drittel der Diamantenproduktion außer Landes geschmuggelt wird. Offiziell wird die Demokratische Republik Kongo mit einem Anteil von 0.5 Prozent der Konfliktdiamanten in Verbindung gebracht.