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  • Artikel eingestellt am: Dienstag, 13 Mai 2014
  • Autor(en): Elisabeth Strack
  • Sierra Leone: Heimat der Blutdiamanten

    Sierra Leone: Heimat der Blutdiamanten

    Die Diamantvorkommen von Sierra Leone sind einmal legendär gewesen. Zehn Jahre nach Beendigung des Bürgerkrieges kann sich das Land aber nur schwer vom Image der Blutdiamanten und Greueltaten erholen. Dabei gehört diese Zeit der Vergangenheit an.

    Sierra Leone ist ein nördlich des Äquators am Atlantischen Ozean gelegenes westafrikanisches Land. Es grenzt mit einer Fläche von etwa 71.000 Quadratkilometern an die Republik Guinea und im Südosten an Liberia. Von den 5.3 Millionen Einwohnern leben etwa 800.000 in der Hauptstadt Freetown. Das Klima ist tropisch-feucht mit üppiger Vegetation, die Trockenzeit geht von Oktober bis März. Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt, auf dem Human Development Index nimmt es Platz 180 von 187 ein. Darüber hinaus zählt das Land zu den fünf Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung weltweit. Vor allem die Kinder- und Müttersterblichkeit ist hoch, dazu trägt auch die Kinderarbeit bei. Sie nahm während des Bürgerkrieges extreme Formen an, als zahlreiche Kindersoldaten zwangsrekrutiert wurden. Die Analphabetenrate liegt bei 69 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei über 50 Prozent.
    Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen, zu denen auch die sog. Kreolen oder Krio gehören. Es sind die Nachkommen freigelassener Sklaven aus Jamaika, die in Freetown angesiedelt wurden. Letztere nehmen die führenden Positionen in Politik und Wirtschaft des Landes ein. Die Amtssprache ist englisch, die einzelnen ethnischen Gruppen sprechen ihre eigenen Sprachen. Der Islam ist die vorherrschende Religion, nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung sind Christen, dabei dominieren protestantische Kirchen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde das Gebiet von einheimischen Stammesvölkern beherrscht. Bereits 1460 legte der portugiesische Seefahrer Pedro da Cintra an der Küste an und gab dem Gebiet aufgrund der Gebirgslandschaft, die sich ihm präsentierte, den Namen Sierra Leoa. Er bedeutet soviel wie Löwengebirge und wurde schon bald für den gesamten Küstenabschnitt verwendet, bis englische Seefahrer ihn im 16. Jahrhundert in Sierra Leone abwandelten. Die heutige Freetown Peninsula entwickelte sich bald zu einem Stützpunkt für Sklavenhändler und für Schiffe, die auf dem Weg nach Indien waren.

    Kolonisation

    Die Kolonisation des Landes durch die Briten begann im späten 18. Jahrhundert mit der „Black Poor Society“, die es sich zum Ziel setzte Afrikanern zur Rückkehr in die Heimat zu verhelfen. Sie erwarb ein Stück Land auf der Halbinsel von Freetown und siedelte bereits 1787 Afrikaner an, die während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges von 1776 an der Seite von Großbritannien gekämpft hatten. Nach dem Verbot der Sklaverei 1810 folgten befreite Sklaven aus den britischen Besitzungen in Übersee und aus den gekaperten Sklavenschiffen. Die Halbinsel wurde zum Stützpunkt der britischen Handelsmarine im Kampf gegen den Sklavenhandel. Bereits 1808 war das Gebiet zur britischen Kronkolonie erklärt worden und 1896, elf Jahre nach der Berliner Kongokonferenz von 1885, wurde das Hinterland zum britischen Protektorat. Erst 1961 erhielt Sierra Leone innerhalb des Commonwealth die Unabhängigkeit. Nach mehreren Putschen und dem Ausrufen der Republik im Jahr 1971 wurde das Land von einem Einparteiensystem regiert.

    Bürgerkrieg

    Die Geschichte der letzten zwanzig Jahre ist vor allem vom Bürgerkrieg gekennzeichnet. Er dauerte von 1991 bis 2002. Im März 1991 beginnen Rebellenkriege im Ostteil des Landes, in dem der größte Teil der Diamantvorkommen liegt. Die Vereinigte Revolutionäre Front (RUF) unter Leitung von Foday Sankoh operiert vom benachbarten Liberia aus und wird von dem Warlord und späteren Präsidenten Liberias, Charles Taylor, unterstützt. Er wird im Mai 2012 seine gerechte Strafe erhalten, nachdem er vom Sondertribunal für Sierra Leone in den Niederlanden zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

    Erst ab etwa 1994 finanziert die RUF ihren Kampf mit Diamanten, und nicht nur Charles Taylor und Lybien liefern Waffen, die mit Diamanten bezahlt werden. Der Kinofilm mit Leonardo Di Caprio aus dem Jahr 2006 zeigt die Verwicklung internationaler Waffenhändler in die Kriegsverbrechen. Diamanten sind nicht der Grund für den Ausbruch der Rebellenkämpfe gewesen, aber sie beeinflussen entscheidend die Fortdauer und den Verlauf der Kämpfe. Der Grund ist in der jahrzehntelangen Korruption und Misswirtschaft zu sehen. Die hohe Arbeitslosigkeit hatte seit den 1970er Jahren zehntausende von Jugendlichen dazu gebracht, ihr Glück als Diamantenschürfer zu versuchen. Sie mussten unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten, und zu Recht prangerte die RUF die Ausbeutung der ländlichen Regionen an. Milliardenbeträge flossen in die Taschen der Händler und korrupten Politiker, sie verdienten vor allem daran, dass Diamanten außer Landes geschmuggelt wurden. Dies traf bereits vor Beginn der Rebellenkriege auf etwa 98 Prozent der Produktion zu.

    Das ganze System konnte vor und während der Kämpfe nur funktionieren, weil es ausländische Abnehmer gab, die nicht zu viele Fragen stellten. Auch amerikanische und europäische Händler kauften liberianische Diamantenexporte, die in Wirklichkeit aus Sierra Leone kamen. Diese Tatsache dürfte im Handel nicht unbekannt gewesen sein, da Liberia selbst nur ganz geringe Diamantvorkommen besitzt. Abidjan, die Hauptstadt der Elfenbeinküste, und Burkina Faso waren ebenfalls Anlaufstellen für Schmuggler.

    Die RUF hat vor allem deswegen traurige Berühmtheit erlangt, weil sie wahllos Städte und Dörfer überfallen und tausende von Menschen, oft auf bestialische Weise, umgebracht hat. Darunter sind viele Kinder gewesen, die aber auch ihrerseits von den Horden zum Kampf gezwungen und selbst zu Mördern wurden. Das Abhacken der Hände wird dabei zum Markenzeichen der sierraleonischen Brutalität. In Europe werden die Greueltaten in den frühen 1990er Jahren zunächst noch kaum beachtet.

    Auch die Regierungsseite nutzte Diamanten zur Finanzierung ihrer Waffenkäufe. 1995 verwendete sie Geld aus dem Diamantenverkauf, um die südafrikanische Söldnerfirma „Executive Outcomes“ zum Schutz der Hauptstadt Freetown anzuheuern. Mit finanzieller Unterstützung des kanadisch-südafrikanischen Unternehmens DiamondWorks konnte die Söldnerfirma im gleichen Jahr die Diamantenfelder von Kono einnehmen. Dafür wurde die Konzession Koidu im Kono-Distrikt in Aussicht gestellt. Mit dem Anti-Söldner-Gesetz hat Südafrika inzwischen den Söldnerfirmen ihre Geschäftsgrundlage entzogen.

    1999 folgte ein Friedensvertrag, bei dem die RUF an der Regierung des 1996 gewählten Präsidenten Kabbah beteiligt wurde. Eine Friedenstruppe der UN sollte verhindern, dass der Bürgerkrieg wieder beginnt, und die Rebellen wurden vor ihrer Einweisung in komfortable Umerziehungslager aufgefordert, ihre Waffen gegen Bargeld bei der UN abzuliefern. Dies stand in krassem Gegensatz zur Situation des größten Teiles der Bevölkerung, den früheren Opfern. Sie vegetieren nach wie vor in Elendsvierteln dahin. Der Friedensschluss von 1999 bedeutete auch nicht, dass die Kämpfe aufhörten. Der größte Teil der Rebellen war nach wie vor aktiv und wurde weiterhin von Liberias Präsident Charles Taylor unterstützt. Eine Änderung bahnt sich erst an, als die UN Sanktionen gegen Liberia verhängten und britische Truppen die bis dahin eher machtlosen UN-Blauhelme in Sierra Leone unterstützen.

    Erst 2002 endet der Rebellenkrieg offiziell mit einer Feier im Nationalstadion, bei der mehrere tausend Waffen verbrannt wurden. Im gleichen Jahr gibt es freie Wahlen, und Präsident Kabbah wird mit 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Zur Aufarbeitung des Krieges werden Kommissionen eingesetzt und ein Sondergerichtshof wird damit beauftragt, die Verantwortlichen der Greueltaten zur Rechenschaft zu ziehen. Seit 2007 ist Ernest Bai Koroma der neue Präsident, und im September 2010 endete der Einsatz der Vereinten Nationen. Seither gilt Sierra Leone als ein Land, das den Wiederaufbau erfolgreich bewältigt hat. Amnesty International bezeichnet die Lage zur Situation der Menschenrechte als stabil. 2013 leben aber immer noch etwa 70 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

    Die Diamanten

    Sierra Leone, dessen Bevölkerung zum größten Teil von der Landwirtschaft, vor allem Wanderhackbau, lebt, hat reichhaltige Bodenschätze. Neben Dia-mant sind vor allem Eisenerz, Bauxit, Chrom und Gold zu nennen. Die Diamantvorkommen liegen in der östlichen Provinz, in einem Gebiet von etwa 80 x 200 Kilometer, das weniger als die Hälfte des Landes einnimmt. Die weite, granithaltige Ebene ist von vielen Hügeln und Tälern durchsetzt, die aufgrund des tropisch-feuchten Klimas starken Erosionserscheinungen ausgesetzt sind. Erde und Vegetation sind an vielen Stellen vom Wasser weggespült worden. Zwei Hügelketten verlaufen in Nord-Süd-Richtung, die Nimini und die Gori Mountains. Es handelt sich wahrscheinlich um das reichhaltigste Diamantengebiet der Welt. Es wird im Westen vom Sewa, einem der „Diamond Rivers“, begrenzt, der aus dem Zusammenfluss von Bafi und Bagbe hervorgeht. Bafi und Sewa River führen Diamanten fast auf ihrer gesamten Länge mit sich, während im Bagbe River so gut wie keine Diamanten gefunden worden sind. Im Norden dehnt sich das Gebiet etwa 30 Kilometer über Yengema hinaus und zwei weitere „Diamond River“, Moa und Male, bringen Diamanten aus dem Schwemmgebiet zwischen Nimini und Gori Mountains nach Süden bis unterhalb von Kenema. In nur etwa 40 Kilometer Entfernung von der Küste liegen die ebenfalls reichhaltigen Lagerstätten von Matemu und Gbatiye im Bereich des Tongo River.

    1930 fanden zwei englische Geologen im Auftrag der britischen Regierung die ersten Diamanten im Gebiet von Yengema-Koidu am Gbobora-Fluss, einem linken Nebenfluss des Bafi. Innerhalb der nächsten vierzig Jahre sollte Sierra Leone allein 50 Millionen Karat Diamanten produzieren, von denen mehr als die Hälfte von sehr guter Schmuckqualität war. Viele Kristalle hatten eine Größe von einem Karat, gut ausgebildete Oktaederformen mit leicht abgerundeten Kanten dominierten. Die Qualitätskriterien der gefundenen Diamanten haben sich bis heute nicht verändert. Sie kommen fast ausschließlich aus Alluviallagerstätten. Bereits 1930 entdeckte man eine kleine diamanthaltige Kimberlit-Pipe, gefolgt von der Entdeckung mehrerer Dykes und 1948 von zwei weiteren Pipes. Letztere wurden zeitweise sogar im Bergbau abgebaut. Seither sind mehrere Gebiete mit Kimberlitanhäufungen bekannt geworden. Sie liegen im Gebiet von Sedafu, Tongo und Panguma, westlich von Tongo.

    Die entdeckten Kimberlite kommen nicht wirklich oder nur begrenzt als Quelle der reichhaltigen Vorkommen des Landes in Frage. Der Ursprung ist bis heute nicht geklärt. Es ist wahrscheinlich richtig, davon auszugehen, daß die Hauptquelle bis jetzt noch nicht entdeckt worden oder durch klimatisch bedingte starke Erosion im Laufe von 90 Millionen Jahren (dem ungefähren Zeitpunkt der Entstehung von Pipes und Dykes in Sierra Leone) abgetragen wurde und sprichwörtlich verschwunden ist. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Serie von Kimberlit-Pipes oder Dykes, die sich ursprünglich über das Plateau im Süden und Südosten von Sierra Leone erstreckten. Auch der geringe Anteil an Industriediamanten wird darauf zurückgeführt, dass ein großer Teil durch Erosionsbedingungen im Laufe der Jahrmillionen zu Staub zermahlen worden und auf dem Meeresboden gelandet ist. Das letztere Schicksal hat wahrscheinlich auch viele Schmuckdiamanten getroffen, die inmitten riesiger Sandmassen vor der Atlantikküste ruhen dürften. Im Gegensatz zu Namibia fehlen aber Küstenströmungen, die für die Bildung abbauwürdiger Vorkommen notwendig wären.

    Bereits 1932 begann der Abbau von Diamanten durch das Unternehmen CAST (Consolidated African Selection Trust) mit Sitz in London, das zu einem Teil De Beers gehörte. 1934 gründet CAST in London den Sierra Leone Selection Trust (SLST), der von der Regierung die alleinigen Abbaurechte erhält. Die Gewinnung erfolgte zunächst von Hand, aber bald werden Maschinen zum Roden der Wälder und Abtragen des tauben Gesteins eingesetzt, in Yengema werden bereits Aufbereitungs- und Waschanlagen installiert. Von 638.000 Karat im Jahr 1938 ist die Produktion 1942, mitten im 2. Weltkriege, bereits auf 1 Million Karat angestiegen. 1944 werden westafrikanische Regimenter von den Briten an verschiedenen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Dies führte einmal dazu, dass die Erträge auf den Minen leicht zurückgingen. Wesentlich folgenreicher erwies sich aber die Tatsache, daß die Afrikaner im Ausland den eigentlichen Wert von Diamanten zu begreifen begannen, denen sie vorher als billige Arbeitskräfte kaum Beachtung geschenkt hatten. Dieses Aufwachen sollte im wesentlichen verantwortlich sein für die zweite Phase des Diamantenabbaus, die um etwa 1950 begann. Es ist eine eher unglückselige Phase, die im Nachhinein als Vorläufer der noch schlimmeren Phase des Bürgerkriegs angesehen werden kann. Was passierte, kann am besten mit dem unkontrollierten Zustrom afrikanischer Arbeiter beschrieben werden, die bald auch aus Guinea und Libera kamen. Die Situation geriet völlig außer Kontrolle, eine Goldgräberstimmung machte sich breit, und illegale Aufkäufer hatten das Sagen. Die Regierung war hilflos. 1954 arbeiteten bereits 30.000 Personen illegal, und bis 1956 wurde die Situation immer beängstigender. Die SLST war machtlos und konnte sich nicht mehr gegen die Plünderungen auf ihren eigenen Konzessionen wehren. Diamantensucher schlossen sich zu Banden zusammen, Regierungsbeamte erwiesen sich als korrupt und Farmer gaben ihre Arbeit auf, um nach Diamanten zu suchen. Dies führte zu ernsthaften Versorgungsproblemen, und die Diamanten begannen, das Land zu ruinieren. Die illegale Produktion belief sich bereits auf etwa 1 Million Karat.

    1956 schloss die Regierung einen Kompromiss mit der SLST und vergab Lizenzen an die Diamantengräber, die jetzt bis zu 20 Personen beschäftigen durften. Dieser Schritt konnte nicht verhindern, dass Diamanten weiterhin aus dem Land geschmuggelt wurden. Die Mittelsmänner, die die Diamanten an Ort und Stelle im Urwald aufkaufen, sind oft Libanesen, die sich nach Kriegsende in Freetown niedergelassen hatten. Die nahe Grenze zu Liberia lässt die Händler bald dazu übergehen, ihre Diamanten nach Monrovia zu bringen, wo sich inzwischen Händler und Schleifer aus Antwerpen und New York niederzulassen beginnen. Die Situation droht wiederum zu eskalieren, sodass die Diamond Corporation (Tochtergesellschaft von De Beers, die Diamanten aufkauft) in Sierra Leone Kaufbüros eröffnet. Das erste Büro war in Bo in der Gegend von Kenema. Die aus London geschickten Aufkäufer kamen mit der Situation im Busch nur schwer zurecht, zumal sie gezwungen waren, große Mengen Bargeld mit sich zu führen. Die lokalen Zwischenhändler werden bald von den Suchern bevorzugt, und der Schmuggel gedeiht weiterhin. 1960 werden die Kaufbüros dem Government Diamond Office unterstellt, dem neben Mitarbeitern der Diamond Corporation auch Regierungsbeamte angehörten. Die Kaufpreise werden erhöht und die Situation verbessert sich schlagartig, da jetzt auch die Zwischenhändler an das Office verkauften. Der Schmuggel geht zurück.

    1970 übernimmt die Regierung mit dem neuen Unternehmen Diminco die Kontrolle über den Abbau der SLST, der sich auf die Gebiete Yengema, Koidu und Tongo beschränkt. Im Februar 1972 wird in Yengema der
    969.8 Karat große „Stern von Sierra Leone“ gefunden, der vom New Yorker Juwelier Harry Winston zu 17 Steinen verschliffen wird. Der größte Teil des Abbaus lief weiterhin über einheimische Schürfer, die entweder von Hand mit Schaufeln nach Diamanten gruben oder höchsten (von Libanesen finanzierte) Bulldozer zum Entfernen der oberen Lagen über der diamanthaltigen Erde einsetzten. Als Waschanlagen dienten entweder Siebe oder einfache sog. „foot rocking screens“, mehrere übereinander angeordnete Siebe, die von den Arbeitern mit den Füßen hin – und herbewegt werden. Die endgültige Sortierung erfolgte von Hand. Auch nach dem Ende des Bürgerkrieges bleibt der Diamantenabbau wenig transparent. Die Regierung ist nicht zimperlich bei der Vergabe von Abbaulizenzen an internationale Firmen und duldet, dass die Exporte unterbewertet werden. Einheimische Arbeitskräfte werden nach wie vor sehr gering bezahlt. Man geht davon aus, dass etwa 120.000 Menschen als Diamantenschürfer tätig sind und insgesamt, die Familienangehörigen eingerechnet, etwa 500.000 Menschen vom Abbau leben. Das ist etwa ein Zehntel der Bevölkerung. Heute müssen sie häufig Umsiedlung und Vertreibung in Kauf nehmen, wenn die neuen Konzessionäre große Landflächen für den Abbau pachten. Damit setzt sich die bereits aus dem Bürgerkriege bekannt Instabilität der Lebensbedingungen fort. Im Diamantenabbau existiert Kinderarbeit nach wie vor, und die allgemeine Wirtschaft liegt seit dem Krieg auf dem Boden.

    Nur unter dem Protest mehrerer Menschenrechtsorganisationen haben sich in den letzten Jahren geringfügige Verbesserungen ergeben. Viele Firmen gingen mit äußerster Brutalität vor, in der Gegend von Kono hat sich laut Medico international insbesondere die Koidu Holdings Limited (KHL) durch erbärmlichen Umgang mit der einheimischen Bevölkerung hervorgetan. Der jahrelange Raubbau hat darüber hinaus eine verbrannte Erde hinterlassen, die Felder sind durchzogen von kraterähnlichen Löchern und Gruben und allgemeinen Verwüstungen. Investitionen zur Verbesserung der Infra-struktur sind von den heute in Sierra Leone operierenden Gesellschaften nicht zu erwarten. Der illegale Export wird heute nur noch auf etwa 2 Prozent der Produktion geschätzt. Seit Ende des Bürgerkrieges liegt der legale Export bei etwa 120 bis 150 Millionen Dollar jährlich. Etwa die gleiche Summe stand den Rebellen in der Vergangenheit für ihre Waffenkäufe pro Jahr zur Verfügung.

    Konfliktdiamanten

    Wie kein anderes Diamant produzierendes Land in Afrika hat Sierra Leone zur Entstehung der Begriffe „Blutdiamanten“ oder (in abgemilderter Form) „Konfliktdiamanten“ beigetragen. Die Begriffe bringen zum Ausdruck, dass blutige Kämpfe und Konflikte mit dem illegalen Verkauf von Diamanten finanziert wurden. Aber auch die Lösung des Problems nahm ihren Anfang in Sierra Leone. Nachdem die Vereinten Nationen im Jahr 2000 das Land mit einem Embargo für Diamanten belegt hatte, begann die Regierung mit Hilfe eines Zertifizierungssystems die Herkunft von Diamanten aus nicht von Rebellen besetzten Gebieten zu garantieren. Mit dem Kimberley-Prozess, auf Initiative von Regierungen, Diamantenindustrie und Nichtregierungsorganisationen im Mai 2000 ins Leben gerufen, wurde dann 2003 die Überwachung der Ein- und Ausfuhr von Rohdiamanten mit Hilfe staatlicher Herkunftszertifikate international etabliert.